Inklusives Wohnprojekt Im Amtmann: Halbzeit

WETZLAR Ein im Landkreis einmaliges Bauprojekt feiert Richtfest: Ab Herbst nächsten Jahres leben Menschen mit und ohne Behinderung „Im Amtmann“ Tür an Tür.

Noch ein gutes Jahr vom Erstbezug entfernt, ist das Wohnprojekt „Im Amtmann“, das die Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg mit Partnern baut, schon wohlbekannt: „Wir haben zahlreiche Anfragen von Menschen sowohl mit als auch ohne Behinderung“, freut sich Sabine Kracht, stellvertretende Vorsitzende des Lebenshilfe-Aufsichtsrates. Und diese beiden Gruppen sollen bewusst angesprochen werden – denn das Haus für 17 Parteien soll Lebenswelten von Senioren und Jungen, Paaren, Familien und Singles, Migranten und Einheimischen sowie eben Menschen mit und ohne Behinderung miteinander verbinden.

Am Freitag wurde Richtfest gefeiert – die eine Hälfte des Gebäudes ist schon durch ein Dach behütet, die andere noch nicht. Zimmermeister Stefan Schmidt rief den Richtspruch vom Gerüst, bevor er mit Architekt Mathias Müller und Bauherr Christian Bausch, Geschäftsführer der Grundstücksgesellschaft der Lebenshilfe, zum Schluck ansetzte und für eine gute Portion Glück die Gläser im Rohbau zertrümmerte.

Für diesen Rohbau und insbesondere für die Planer und die Praktiker am Bau gab es viel Lob. Bausch brachte es auf den Punkt: „Das Richtfest ist das Fest der Handwerker“, sagte er. Denen gelinge nicht nur eine vorbildliche Baustellenführung und bislang die Einhaltung des Zeitrahmens, sie hätten bislang auch völlig frei von Un- und Zwischenfällen gearbeitet – Applaus war ihnen gewiss.

Gebäude mit besonderen Ansprüchen und besonderer Architektur

Auf die besonderen Ansprüche des Gebäudes war da schon Müller vom Architekturbüro „Keul & Müller“ eingegangen. Inklusives Bauen, sagte er, müsse eigentlich so selbstverständlich sein, dass der Zusatz „inklusiv“ überflüssig werde. Ist es aber nicht. Noch sehr neu sei zum Beispiel, dass alle sechs vollkommen barrierefreien und behindertengerechten Wohnungen nicht mehr auf einer Ebene lägen, sondern über das ganze Gebäude verteilt werden. „Dorfcharakter“ habe das Gebäude – mit Bänken, Treffpunkten, einem Gemeinschaftsraum. Und mit heute viel zu selten genutzten, offenen Laubengängen mit ebenso offenem Treppenhaus. „Die erste Halbzeit ist vorüber“, sagte er mit Blick auf die bisherigen Bauarbeiten, denen etwa zwei Jahre an gemeinsamen Planungen vorausgegangen waren. Er hoffe, dass die Zweite ebenso rund laufen wird.

Zuvor hatte es politisches Lob für das durch mehrere Förderprogramme getragene Projekt gegeben. Wetzlars Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) sagte, die Zusammensetzung der Wohngemeinschaften spiegle die Stadtgesellschaft. „Jeder der einzieht, bringt etwas mit an Lebenserfahrung“, so Wagner. Die Idee hinter dem Gebäude, in dem Wohnungen zwischen 30 und 80 Quadratmetern entstehen, sorge für Austausch und Miteinander.

Und Stephan Aurand (SPD), Sozialdezernent beim Lahn-Dill-Kreis, hob den Modellcharakter hervor: „Dieses Projekt muss Schule machen“, sagte er – der Bedarf bestehe in jedem Fall. Teilhabe sei „das Thema der Zeit“ und das Wohnprojekt „Im Amtmann“ hebe das Wort von der theoretischen Ebene in die praktische – in den Alltag.


Quelle: Wetzlarer Neue Zeitung